VINTAGE ROADTRIP Dreamroads erleben
 

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Canyonland – Zwischen wilden Flüssen und steinernen Giganten

Mit der Harley durch Ardèche, Cevennen und Vercors – zwei Generationen auf der Suche nach Frankreichs wildesten Motorradstraßen.

Wie aus einem Familienfest unser nächster Roadtrip wurde

Eigentlich war es ein ganz normales Familienfest. Irgendwann hatten Felix und ich uns etwas abseits vom Trubel einen ruhigen Platz gesucht. Wir redeten über Gott und die Welt, bis das Gespräch – wie sollte es anders sein – wieder bei unseren Motorrädern landete.

„Du, Papa“, meinte Felix plötzlich, „unser letzter Canyonland-Roadtrip war schon ziemlich genial. Wird eigentlich Zeit, dass wir den nächsten in Angriff nehmen. Was kannst du denn aus deinem Lieblingsland Frankreich noch so anbieten?“
Ich musste grinsen. Frankreich! Nach über 30 Jahren auf französischen Motorradstraßen musste er mir diese Frage nicht zweimal stellen.

„Na ja“, antwortete ich und tat so, als müsste ich erst einmal gründlich überlegen. „Ich habe ja inzwischen die weiße Road Glide. Die müsste man eigentlich mal ordentlich durch ein paar Serpentinen scheuchen. Und dir könnte ein kleiner Adrenalinkick auch nicht schaden.“

Felix wurde hellhörig.

„Was schwebt dir denn vor?“

„Ich kenne da noch ein paar Ecken in Frankreich, die fahrerisch richtig interessant sind. Das Vercors zum Beispiel. Oder die Ausläufer der Cevennen und die Ardèche. Nicht mehr diese weiten, flüssigen Kurven wie bei unserer letzten Tour durch die großen Alpen. Diesmal wird es enger, verwinkelter und stellenweise ziemlich anspruchsvoll. Dafür gibt es Straßen, die sich direkt an gewaltige Felswände schmiegen, wilde Schluchten und Aussichten, bei denen du garantiert freiwillig vom Gas gehst.“

Ich sah, wie Felix' Augen zu leuchten begannen.

„Und das willst du mit deiner großen Harley fahren?“

Genau auf diese Frage hatte ich gewartet.

Ich lehnte mich süffisant zurück, nahm einen Schluck von meinem Getränk und grinste.

„Warum nicht? Du kannst ja mit deiner Kawasaki vorausfahren. Dann siehst du wenigstens nicht, wenn meine Trittbretter wieder Funken schlagen.“

Felix lachte. Aber ich kannte diesen Blick. In seinem Kopf war die nächste Motorradtour längst beschlossene Sache.
Und meiner? Der war schon irgendwo zwischen den Felsgalerien des Vercors und den wilden Schluchten der Ardèche unterwegs.

Unser nächstes Vater-Sohn-Abenteuer hatte gerade begonnen.


Vercors – Wo der Fels die Straße vorgibt

Neue Harley, vertrauter Reisegefährte


Manche Landschaften lassen einen einfach nicht mehr los. Und manche Motorradreisen beginnen schon lange vor der ersten Kurve – mit einer Idee, einem Versprechen und der Vorfreude auf das, was hinter dem nächsten Berg wartet.

Wieder einmal sind mein Sohn Felix und ich gemeinsam unterwegs. Von Stuttgart führt uns die Anreise über Genf und Grenoble direkt nach Südostfrankreich in der Region Auvergne-Rhône-Alpes in das Vercors. Als wir spät am Abend unsere Unterkunft bei Rencurel erreichen, liegen die ersten Kilometer bereits hinter uns.

Felix ist seiner Kawasaki Z1000 treu geblieben. Ich dagegen habe eine neue Errungenschaft mitgebracht: eine weiße Harley-Davidson Road Glide. Ein mächtiger Tourer mit breiter Verkleidung, sattem V-Twin und einer ordentlichen Portion amerikanischem Selbstbewusstsein.

Zwei Motorräder, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Aber genau das macht unsere gemeinsamen Reisen so besonders.

Ein Eisenhaufen im Land der Felsenstraßen

Beim Abendessen erzähle ich Felix von einer Landschaft, die mich seit vielen Jahren fasziniert.

Das Vercors ist keine gewöhnliche Bergregion. Wie eine gewaltige natürliche Festung erhebt sich das Kalksteinmassiv zwischen Grenoble, dem Isèretal und der Drôme. Tiefe Schluchten durchschneiden seine Ränder, steile Felswände schützen die Hochflächen. Über Jahrhunderte waren viele Orte nur schwer erreichbar.

Erst mit großem Aufwand wurden Straßen in den Fels geschlagen. Was für die Menschen der Region einst lebenswichtige Verbindungen waren, gehört heute zu den außergewöhnlichsten Motorradstrecken Frankreichs.

Ich lasse Namen fallen, die für mich nach Abenteuer klingen: Col de la Machine, Combe Laval, Gorges de la Bourne.


Und erzähle von schmalen Fahrbahnen, in den Fels gehauenen Galerien und Kurven, bei denen man besser weiß, wie breit sein Motorrad tatsächlich ist.

Felix hört aufmerksam zu. Bis ich erwähne, dass manche dieser Straßen fahrerisch ganz schön anspruchsvoll sind.

Da fällt er mir ins Wort:

„Mensch Vater, und du willst das alles mit deinem Eisenhaufen fahren? Da wäre doch eine BMW GS für dich standesgemäßer!“

Ich muss lachen.

„Warten wir mal ab, wer zuerst an einen Motorradwechsel denkt. Morgen ist erst einmal ein kleines Kennenlernen. Und am letzten Tag wartet dann die richtige Herausforderung – für Mensch und Maschine.“

Felix grinst. Die Ansage steht.

Gorges de la Bourne – die Straße aus dem Fels

Am nächsten Morgen stehen unsere Motorräder startklar vor der Unterkunft. Direkt am Eingangsbereich fällt ein alter französischer Citroën ins Auge. Zwischen den modernen Maschinen wirkt er wie ein Besucher aus einer anderen Zeit.

Ein schönes Bild: französische Automobilgeschichte, japanische Sportlichkeit und amerikanischer V-Twin – alle vereint unter dem Himmel des Vercors.

Wir schwingen uns auf die Motorräder. Der V-Twin meiner Road Glide erwacht mit seinem tiefen, unverwechselbaren Rhythmus. Felix startet seine Kawasaki, und schon rollen wir los.

Von Rencurel führt uns die Strecke durch die Gorges de la Bourne. Hier zeigt das Vercors gleich zu Beginn, was es so besonders macht.

Die Straße schmiegt sich an mächtige Kalksteinwände. Über uns ragen Felsen auf, unter uns fällt das Gelände zum Fluss ab. Immer wieder verengt sich die Fahrbahn, bevor sie sich hinter der nächsten Biegung überraschend öffnet.

An den Felswänden hallt der dumpfe Sound der Road Glide zurück. Ich lasse den V-Twin mit seinem satten Drehmoment durch die Kurven ziehen. Vor mir und hinter mir wechseln sich Licht und Schatten ab.

Manchmal reicht ein einziger Blick, um zu wissen, warum man Motorrad fährt.

Diese Straße wurde im 19. Jahrhundert mit gewaltigem Aufwand aus dem Fels herausgearbeitet. Wenn man heute hier entlangfährt, kann man kaum glauben, welche Leistung dahintersteckt.

Und doch ist sie nur ein Vorgeschmack auf das, was uns bei unserer Rückkehr ins Vercors erwartet.

Kleine Straßen, große Freiheit


Wir verlassen die schroffen Felslandschaften des Vercors in Richtung Westen. Über Saint-Jean-en-Royans und weiter südlich erreichen wir schließlich das Rhônetal.

Die Landschaft verändert sich. Die Berge treten zurück, die Täler werden weiter. Unterhalb von Valence überqueren wir die Rhône und nehmen Kurs auf die Ardèche.

Jetzt beginnt eine andere Art des Motorradfahrens.

Wir folgen kleinen Straßen durch die abwechslungsreiche Landschaft der Monts d’Ardèche. Bewaldete Hügel, alte Steinterrassen, kleine Dörfer und immer wieder Ausblicke auf Täler, die sich tief in die Landschaft einschneiden.

Hier haben Kastanienbäume seit Jahrhunderten ihren festen Platz. Sie prägen die Landschaft ebenso wie die alten Natursteinhäuser und die schmalen Wege zwischen den Hängen.

Die Straßen scheinen sich ihren Weg selbst zu suchen. Mal führen sie durch schattige Wälder, dann wieder über sonnige Höhenzüge. Die Kawasaki und die Road Glide finden ihren eigenen Rhythmus.

Felix genießt die kurvigen Abschnitte auf seiner Z1000. Ich schätze das entspannte Dahingleiten auf der Harley. Wir müssen nicht gleich schnell fahren, um dieselbe Freude zu empfinden.

Und genau das ist es, was unsere gemeinsamen Roadtrips ausmacht.


Pont d’Arc – das steinerne Tor zum nächsten Canyon

Vorbei an Aubenas führt uns die Reise weiter nach Süden. Die Luft wird wärmer, die Landschaft mediterraner. Wir nähern uns Vallon-Pont-d’Arc und damit einem weiteren Höhepunkt unserer Canyonland-Spurensuche.

Dann stehen wir vor dem Pont d’Arc.

Ein gewaltiger natürlicher Felsbogen spannt sich über die Ardèche. Über Jahrtausende hat sich der Fluss seinen Weg durch den Kalkstein geschaffen und dieses außergewöhnliche Naturdenkmal hinterlassen.

Das Wasser schimmert grünlich-türkis zwischen den Felsen. Die riesige steinerne Brücke wirkt wie das Eingangstor zu einer anderen Welt.

Nach den tiefen Schluchten des Vercors stehen wir nun am Beginn eines weiteren großen Canyons Frankreichs.

Ich schaue auf die Landschaft und denke an unsere erste Spurensuche zurück. An die roten Felsen von Daluis. An das türkisblaue Wasser des Verdon. Und daran, wie sehr Felix von diesen Landschaften begeistert war.

Jetzt liegt ein weiteres Kapitel vor uns.

Canyonland hat viele Gesichter. Und jedes davon erzählt seine eigene Geschichte.

Schmutzbier, Pool und die Vorfreude auf morgen

Nach diesem ersten Tag zwischen den Felsenstraßen des Vercors und den grünen Hügeln der Ardèche haben wir uns unser Schmutzbier redlich verdient.

Die Motorräder stehen für heute still, der Pool lockt und langsam kehrt Ruhe ein. Doch unsere Gedanken sind schon wieder unterwegs.

Denn morgen wollen wir noch weiter nach Westen. Dorthin, wo die Ausläufer der Cevennen beginnen und sich Flüsse über Jahrtausende tief in den Kalkstein gegraben haben.

Und auf dem Rückweg wartet die große Panoramastraße durch die Gorges de l’Ardèche auf uns.

Felix ahnt bereits, dass es kein gewöhnlicher Fahrtag wird. Und ich weiß: Canyonland hat gerade erst angefangen, uns seine Geheimnisse zu zeigen.


Canyonland – Zwischen wilden Flüssen und steinernen Giganten

Von Vagnas  über die Cevennen, Pont du Gard und die Gorges de l’Ardèche zurück nach Vagnas

Frühstart – die Cevennen rufen

Es ist noch früh, als wir unsere Domaine bei Vagnas verlassen. Die Luft ist angenehm frisch, die Motorräder stehen bereit und vor uns liegt ein Fahrtag, der es in sich haben wird.

Der V-Twin meiner weißen Road Glide meldet sich mit seinem tiefen, sonoren Rhythmus zu Wort. Daneben erwacht Felix' Kawasaki Z1000 zum Leben. Zwei völlig unterschiedliche Motorräder – und wieder einmal dasselbe Ziel: Straßen entdecken, die uns noch lange in Erinnerung bleiben.

Heute zieht es uns zunächst nach Westen, zu den Ausläufern der Cevennen.

Je weiter wir fahren, desto ursprünglicher wird die Landschaft. Die Straßen schlängeln sich durch bewaldete Höhen, vorbei an kleinen Weilern und über Bergrücken, von denen der Blick weit über das Land schweift.

Hier draußen scheint die Zeit ein wenig langsamer zu laufen. Die Luft riecht nach warmem Gras, Kräutern und Wald. Der Asphalt folgt den Konturen der Berge, und meine Road Glide zieht mit ihrem satten Drehmoment durch die lang gezogenen Kurven.

Felix hat auf seiner Kawasaki natürlich wieder seinen eigenen Rhythmus gefunden. Und ich? Ich genieße jede einzelne Kurve.


Gorges du Tarn – ein Canyon voller Überraschungen

In den Cevennen wartet die nächste große Schluchtenlandschaft auf uns: die Gorges du Tarn.

Der Tarn hat sich über unvorstellbar lange Zeit tief in die Kalksteinplateaus der Grands Causses eingegraben. Mächtige Felswände ragen über dem Fluss auf, stellenweise mehrere Hundert Meter hoch. Dazwischen liegen kleine Dörfer, die sich an die Felsen schmiegen, und Straßen, die sich durch diese gewaltige Naturkulisse winden.

Besonders eindrucksvoll ist der Blick auf die alten Steinhäuser, die scheinbar unmittelbar aus dem Fels herauswachsen. Unter ihnen fließt der Tarn in seinem grünlich schimmernden Bett.


Wieder einmal wird mir bewusst, wie viele Gesichter Canyonland besitzt.

Im Verdon waren es die gewaltigen Abgründe und das fast unwirkliche Türkisblau. Hier sind es die alten Dörfer, die bewaldeten Felsen und das Zusammenspiel von Mensch und Natur.

Ein Ort, an dem man den Motor gerne abstellt, um einfach nur zu schauen.

Zwischen Anduze und Uzès – französische Lebensart

Auf unserem Rückweg führt uns die Strecke über Alès weiter in Richtung Uzès.

Die Landschaft wird sanfter. Die Berge treten zurück, Olivenbäume und mediterrane Vegetation bestimmen zunehmend das Bild. Die Straßen führen durch kleine Ortschaften, deren Natursteinfassaden in der Sonne leuchten.

Bei Anduze begegnen wir einer weiteren Besonderheit der Region: der traditionellen Töpferkunst. Die großen, glasierten Pflanzgefäße, für die der Ort bekannt ist, gehören seit Jahrhunderten zur Gartenkultur Südfrankreichs.

Solche Entdeckungen machen für mich einen Roadtrip erst vollständig. Es geht nicht nur um die nächste Kurve oder den nächsten Pass. Es geht auch darum, unterwegs die Menschen, ihre Geschichte und ihre Kultur kennenzulernen.

Pont du Gard – zweitausend Jahre Geschichte

Dann stehen wir vor einem Bauwerk, das selbst uns für einen Moment die Motorräder vergessen lässt.

Dem Pont du Gard.


Fast fünfzig Meter hoch erhebt sich das römische Aquädukt über dem Fluss Gardon. Drei übereinanderliegende Bogenreihen aus gewaltigen Steinquadern – vor beinahe zweitausend Jahren errichtet, um Wasser über viele Kilometer bis in die römische Stadt Nîmes zu leiten.

Ich stehe davor und kann nur staunen.

Wie haben die Römer das damals bloß geschafft?

Vielleicht ist es genau diese Mischung, die mich an Frankreich so begeistert: eben noch wilde Natur, hinter der nächsten Kurve ein Stück Weltgeschichte.

Und dann geht es wieder zurück auf die Motorräder.

Cascades du Sautadet – wenn Wasser den Fels bezwingt

Bei La Roque-sur-Cèze wartet schon das nächste Naturschauspiel.

An den Cascades du Sautadet hat die Cèze den Kalkstein über Jahrtausende zu einer bizarren Landschaft geformt. Tiefe Strudellöcher, ausgewaschene Felsbecken und kleine Wasserfälle liegen dicht nebeneinander.


Es ist faszinierend, welche Kraft Wasser entwickeln kann. Was auf den ersten Blick beinahe verspielt wirkt, ist das Ergebnis einer unermüdlichen Arbeit der Natur.

Wieder so ein Ort, an dem wir länger stehen bleiben könnten.

Doch unser Tag ist noch nicht zu Ende. Der Höhepunkt wartet erst auf uns.

Gorges de l’Ardèche – die große Bühne für Mensch und Maschine

Am späten Mittag erreichen wir schließlich die Gorges de l’Ardèche.

Und plötzlich ist alles wieder da: dieses Kribbeln, wenn vor dem Motorrad eine Straße auftaucht, die aussieht, als hätte jemand sie eigens für uns in die Landschaft gezeichnet.

Die Panoramastraße folgt dem Rand eines gewaltigen Canyons. Tief unter uns windet sich die Ardèche durch ihre grünen und türkisfarbenen Flussschleifen. Auf der gegenüberliegenden Seite ragen helle Kalksteinwände in den Himmel.


Kurve um Kurve eröffnet sich ein neuer Blick.

Immer wieder halten wir an den Aussichtspunkten an. Von oben wirken die Kanus auf dem Fluss winzig. Erst hier oben begreift man die wirklichen Ausmaße dieser Schlucht.

Der V-Twin meiner Road Glide stampft durch die Kurven. Zwischen den Felsen trägt sich sein dumpfer Klang, während Felix mit seiner Kawasaki die nächste Biegung anvisiert.

Und ich denke mir: Wenn bei solchen Straßen nicht jedes Harley-Herz höherschlägt, wann dann?

Aber dieser Canyon verlangt auch Aufmerksamkeit. Die Straße ist stellenweise eng, die Kurven folgen dicht aufeinander, und hinter jeder Biegung wartet ein neuer Ausblick, der einen am liebsten sofort anhalten lässt.

Hier muss man sich entscheiden: fahren oder staunen.

Wir versuchen, für beides genügend Zeit zu finden.


Ein langer Tag, der in Erinnerung bleibt. 

Als wir am Ende unserer großen Runde wieder die Domaine bei Vagnas erreichen, steckt uns der Tag spürbar in den Knochen.

Wir haben unzählige Kurven hinter uns gelassen, tiefe Schluchten gesehen, römische Baukunst bestaunt und eine Landschaft durchfahren, die immer wieder ihr Gesicht verändert hat.

Jetzt dürfen die Motorräder endlich ausruhen.

Auch wir haben uns eine Pause verdient.

Beim Abendessen werden wir mit hervorragender, provenzalischer Küche verwöhnt. Genau das liebe ich an solchen Roadtrips: Nach einem langen Tag im Sattel schmeckt das Essen doppelt so gut.

Wir lassen die Eindrücke noch einmal Revue passieren. Die wilden Felsen der Cevennen. Der Pont du Gard. Die Kraft des Wassers an den Cascades du Sautadet. Und schließlich diese unglaubliche Dreamroad hoch über der Ardèche.

Viel mehr braucht es nicht für einen perfekten Motorradtag.

Nur eines ist sicher: Heute hat uns Canyonland einiges abverlangt.

Wir gehen früh schlafen.

Denn morgen verlassen wir die Ardèche, überqueren bei Bollène die Rhône und nehmen Kurs auf eine weitere Landschaft, die ich Felix unbedingt zeigen möchte.

Die Provence wartet. Und mit ihr der Mont Ventoux.


Canyonland – Wo die Provence ihre wilden Seiten zeigt

Von der südlichen Ardèche durch die unbekannte Bergwelt der Provence bis an die Tore des Vercors.

Abschied von Vagnas – ein neuer Tag, ein neues Abenteuer


Die gestrige Fahrt steckt uns noch in den Knochen.

Wir sitzen gemütlich beim Frühstück auf der Terrasse unserer Domaine bei Vagnas. Vor uns glitzert das Wasser im Pool, ringsum stehen Olivenbäume und die Morgensonne lässt bereits erahnen, dass uns heute ein richtig heißer Tag bevorsteht.

Felix lässt den gestrigen Fahrtag noch einmal Revue passieren.

„Die Tour durch die Cevennen war schon traumhaft schön. Aber die Runde durch die Gorges de l’Ardèche zum Schluss war wirklich die Krönung.“

Ich muss schmunzeln.

„Ich wollte einfach mal ausprobieren, was mit einer Harley und einem Naked Bike so alles geht.“

Wir lachen. Allerdings hat uns der gestrige Tag auch gezeigt, dass man auf solchen Straßen die Zeit schnell vergisst. Und irgendwann melden sich eben doch die Verspannungen.

Die Sonne steigt höher. Es wird spürbar wärmer.

„Felix, wir sollten langsam los. Sonst schmoren wir nachher noch in unseren Motorradklamotten.“

Wenig später erwacht meine weiße Road Glide mit ihrem vertrauten, tiefen V-Twin-Sound zum Leben. Felix startet seine Kawasaki Z1000. Das Gepäck ist verstaut, ein letzter Blick auf unsere Unterkunft – dann rollen wir vom Hof mit den Gedanken an ein Wiedersehen.

Die Ardèche liegt hinter uns. Vor uns wartet die Provence.

Durch das Rhônetal – die Provence empfängt uns

Unsere Route führt zunächst in Richtung Bollène. Wir verlassen die Ausläufer der Ardèche und überqueren die Rhône, jenen mächtigen Fluss, der seit Jahrhunderten eine der wichtigsten Lebensadern Südfrankreichs bildet.

Die Landschaft verändert sich.

Wo gestern noch tiefe Schluchten, wilde Flüsse und schroffe Kalksteinwände das Bild bestimmten, breitet sich jetzt das Rhônetal vor uns aus. Weinberge ziehen sich über die sanften Hügel, kleine Ortschaften liegen zwischen Feldern und Baumreihen.

Auf den gut ausgebauten Straßen genießen wir die ersten weiten Kurven. Endlich können wir die Motorräder wieder entspannt laufen lassen.

Meine Road Glide gleitet mit ihrem satten Drehmoment durch die lang gezogenen Bögen. Felix folgt auf seiner Kawasaki. Zwei unterschiedliche Motorradkonzepte, die auf solchen Straßen wunderbar zusammenpassen.

Der warme Fahrtwind trägt den Duft trockener Erde und mediterraner Vegetation herüber.

Das ist die andere Seite Frankreichs. Weniger dramatisch als die Ardèche, dafür weitläufig, sonnendurchflutet und voller südfranzösischer Lebensart.

Doch unser eigentliches Ziel rückt bereits näher.

Am Horizont erhebt sich ein gewaltiger Berg, dessen heller Gipfel wie mit Schnee bedeckt aussieht.

Der Mont Ventoux.

Mont Ventoux – der weiße Riese bleibt heute unerreichbar

Schon von Weitem zieht er unsere Blicke auf sich.

Der Mont Ventoux erhebt sich mit rund 1.909 Metern über die Provence. Seine fast vegetationslose, helle Kalksteinkuppe verleiht ihm ein unverwechselbares Aussehen. Ganz oben steht die weithin sichtbare Sendeanlage.

Der Berg trägt nicht umsonst den Beinamen Géant de Provence – der Riese der Provence.

Seine besondere Lage zwischen Alpen und Mittelmeer schafft ganz unterschiedliche Klimazonen. Unten wachsen Weinreben, Olivenbäume und mediterrane Pflanzen. Weiter oben folgen Wälder, bis die Landschaft schließlich in eine beinahe mondähnliche Gipfelregion übergeht. Seit 1990 gehört das Gebiet zum UNESCO-Biosphärenreservat Mont Ventoux.

Für Radsportfans ist dieser Berg eine Legende. Die Auffahrten zählen zu den berühmtesten Herausforderungen der Tour de France. Doch auch für Motorradfahrer hat der Ventoux seinen ganz eigenen Reiz.

Lange Anstiege, immer neue Ausblicke und eine Landschaft, die mit jedem Höhenmeter ihr Gesicht verändert.

Genau das wollte ich Felix heute zeigen.

Doch kurz vor Malaucène kommt die Ernüchterung.

Eine Absperrung versperrt uns den Weg. Wegen einer Radveranstaltung ist die Auffahrt zum Mont Ventoux gesperrt.

Na toll!

Da steht dieser gewaltige Berg praktisch vor unserer Nase, und wir dürfen nicht hinauf.

Ich erkläre Felix, dass es auf der anderen Seite des Ventoux noch eine weitere fantastische Motorradstrecke gibt: die Gorges de la Nesque. Eine Schlucht, die selbst unter Frankreichkennern nicht immer auf dem Reiseplan steht.

Gorges de la Nesque – ein Canyon für den nächsten Roadtrip

Die Gorges de la Nesque sind eines jener Naturwunder, die man auf der Landkarte leicht übersehen kann.

Zwischen Villes-sur-Auzon und Monieux hat sich der kleine Fluss Nesque tief in die Kalksteinlandschaft eingegraben. Stellenweise fallen die Felswände mehrere Hundert Meter ab. Eine schmale Panoramastraße folgt hoch über der Schlucht den Konturen des Gebirges. Kleine Felstunnel, ausgesetzte Passagen und Aussichtspunkte machen die Strecke zu einem besonderen Erlebnis.

Am Belvédère du Castelleras öffnet sich der Blick auf den gewaltigen Rocher du Cire. Rund 300 Meter tief schaut man hier in den Canyon.

Ich kenne solche Straßen. Genau dort fühlt sich meine Harley wohl.

Nicht weil man besonders schnell fahren könnte, sondern weil jede Kurve ihren eigenen Charakter besitzt.

Doch heute müssten wir für diese Schlucht einen zusätzlichen Umweg in Kauf nehmen. Und vor uns liegt noch eine ganze Berglandschaft, die wir keinesfalls im Eiltempo durchqueren wollen.

Wir überlegen kurz.

Dann fällt die Entscheidung.

Der Mont Ventoux muss warten. Die Gorges de la Nesque ebenfalls.

Aber aufgeschoben ist schließlich nicht aufgehoben.

Schon jetzt steht für mich fest: Bei unserem nächsten Roadtrip durch Südfrankreich werden wir uns für beide genügend Zeit nehmen.

Heute entscheiden wir uns für die Route links am Mont Ventoux vorbei in Richtung Sault.

Und wie sich herausstellen wird, ist das alles andere als eine schlechte Wahl.

Sault und Montbrun-les-Bains – Postkartenlandschaft mit Motorradkurven

Wir gewinnen langsam an Höhe.

Der Verkehr wird weniger, die Straßen werden schmaler und die Landschaft ursprünglicher. Immer wieder öffnet sich zwischen Bäumen und Hügeln der Blick auf den Mont Ventoux.

Sein heller Gipfel begleitet uns wie ein riesiger Wegweiser.

Die Gegend um Sault gehört zu den klassischen Lavendellandschaften der Provence. Im Sommer wechseln sich Lavendelfelder, Getreideflächen, lichte Wälder und kleine steinerne Gehöfte ab.

Hier ist die Provence nicht laut oder überlaufen. Sie zeigt sich von ihrer ruhigen, ländlichen Seite.

Besonders reizvoll wird die Strecke rund um Montbrun-les-Bains.


Der historische Ort schmiegt sich mit seinen alten Steinhäusern an einen Hang. Über dem Dorf stehen die Überreste einer Burg. Die engen Gassen, mittelalterlichen Fassaden und die Lage am Rand der Baronnies machen Montbrun zu einem der besonders sehenswerten Dörfer der Region.

Für uns ist es vor allem diese Kombination, die begeistert: kleine französische Bergdörfer, kaum Verkehr und Straßen, die sich ganz selbstverständlich durch die Landschaft schlängeln.

Immer wieder taucht der weiße Gipfel des Ventoux zwischen den Hügeln auf.


Mal weit entfernt, mal scheinbar zum Greifen nah.

Ich denke mir: Man muss gar nicht immer auf den höchsten Gipfel fahren, um eine großartige Motorradstrecke zu erleben.

Manchmal liegt das eigentliche Abenteuer direkt daneben.

Baronnies Provençales – Frankreichs beinahe vergessene Motorradwelt

Hinter Sault und den Hochflächen rund um Ferrassières tauchen wir immer tiefer in eine Landschaft ein, die viele Motorradfahrer vermutlich noch gar nicht auf dem Schirm haben.


Die Baronnies Provençales.

Zwischen der Drôme und den Hautes-Alpes erstreckt sich ein weitläufiges Mittelgebirge, in dem die mediterrane Provence allmählich in die Voralpen übergeht.

Ein Gebiet voller Gegensätze.


Auf den sonnigen Hängen wachsen Olivenbäume, Lavendel, Thymian und Rosmarin. Dazwischen liegen Obstgärten, alte Trockensteinmauern und kleine Bergdörfer.
Nur wenige Kilometer weiter türmen sich helle Kalksteinfelsen auf. Tiefe Erosionsrinnen schneiden sich in die Berghänge, schmale Straßen führen durch einsame Täler und über bewaldete Höhenzüge.

Und mittendrin fahren wir mit unseren Motorrädern.

Die Straßen werden zunehmend schmaler. Manchmal passen gerade noch zwei Fahrzeuge aneinander vorbei. Hinter jeder Kurve wartet ein anderes Bild.
Mal eine kleine Schlucht mit steilen Felswänden. Dann wieder ein offenes Hochtal, über dem die Sonne flimmert.

Meine Road Glide verlangt auf diesen kleinen Straßen etwas mehr Aufmerksamkeit als auf den breiten Kurven des Rhônetals. Aber genau das macht den Reiz aus.

Man fährt bewusster. Spürt die Maschine. Konzentriert sich auf den Asphalt und die nächste Kurve.

Felix genießt auf seiner Kawasaki natürlich ebenfalls dieses Wechselspiel aus engen Kehren und flüssigen Passagen.

Und ich muss wieder einmal feststellen: Frankreich hat unendlich viele Straßen, die in keinem der üblichen Motorradreiseführer ganz oben stehen.

Vielleicht ist das sogar ihr größter Vorteil.

Rosans – eine willkommene Erfrischung

Inzwischen steht die Sonne hoch am Himmel.

Unter unseren Helmen wird es unangenehm warm. Der Fahrtwind bringt kaum noch Abkühlung und jede längere Ortsdurchfahrt lässt die Hitze unter den Motorradjacken spürbar werden.

Irgendwann erreichen wir Rosans.

Ein kleiner Ort inmitten dieser einsamen Berglandschaft.


Wir entdecken einen Brunnen und halten spontan an.

Helm runter. Handschuhe aus. Erst einmal Wasser!

Ich beuge mich über das Becken und lasse das kühle Wasser über meine Hände laufen. Was für eine Wohltat.

Nach Stunden in der prallen Sonne braucht es manchmal nicht mehr als einen einfachen Dorfbrunnen, um wieder glücklich zu sein.

Unsere Motorräder stehen ein paar Meter entfernt im Schatten.

Für einen Moment ist es ganz still, nur die Motoren knistern.

Kein Verkehrslärm, keine Hektik, kein Gedränge. Nur ein kleines französisches Dorf und zwei Motorradfahrer, die sich über kaltes Wasser freuen.

Solche Momente kann man nicht planen.

Und gerade deshalb bleiben sie in Erinnerung.

Col de Pommerol – kleine Straßen, großes Motorradglück

Frisch gestärkt setzen wir unsere Fahrt fort.

Jetzt wird es noch einmal richtig interessant.

Unsere Route führt über kleine, wenig befahrene Bergstraßen durch die nördlichen Ausläufer der Baronnies. Rund um den Col de Pommerol zeigt die Landschaft wieder ihre wilde Seite.

Die Felsen rücken näher an die Straße. Helle Kalksteinformationen ragen zwischen den Bäumen empor. Immer wieder folgen kurze Anstiege, enge Kurven und kleine Brücken.


Hier ist nichts für Motorradfahrer, die nur möglichst schnell von einem Ort zum nächsten kommen möchten.

Hier geht es um das Fahren selbst. Wir genießen die mit jedem Atemzug die Freiheit auf unseren Motorrädern.

Die Straße fordert Aufmerksamkeit, belohnt uns aber mit einer Kulisse, die wir auf den großen Verkehrsachsen niemals erleben würden.

Meine Harley zieht mit ihrem tiefen V-Twin-Rhythmus durch die Felslandschaft. Vor mir windet sich das schmale Asphaltband zwischen den Hängen hindurch.

Felix folgt auf seiner Kawasaki.


Und wieder dieses Gefühl: Mensch und Maschine wachsen zusammen.

Wir sind inzwischen schon viele Tage gemeinsam unterwegs. Jeder kennt den Fahrstil des anderen. Wir müssen nicht ständig anhalten oder uns absprechen.

Es läuft einfach.

Genau so stelle ich mir einen gelungenen Roadtrip vor.

Die – eine mittelalterliche Stadt am Tor zum Vercors

Langsam neigt sich unser Fahrtag dem Ende entgegen.

Die Landschaft verändert sich erneut. Die Täler werden weiter, die Berge im Norden höher und markanter.

Schließlich erreichen wir Die.

Die kleine Stadt liegt im Tal der Drôme, unmittelbar am Fuß der mächtigen Kalksteinberge des Vercors.

Schon die Römer hinterließen hier ihre Spuren. Teile der antiken Stadtbefestigung sind erhalten geblieben, ebenso die Porte Saint-Marcel. Die Kathedrale Notre-Dame und die engen Gassen erinnern an die lange Geschichte dieser Stadt. Bekannt ist Die außerdem für die Clairette de Die, einen traditionsreichen Schaumwein aus der Region.

Doch zunächst interessiert uns etwas ganz anderes.

Wo können wir unsere Motorräder sicher unterstellen?

Unser freundlicher Hotelbesitzer André hat bereits eine Lösung parat.

Er führt uns zu einer Garage, die auf den ersten Blick gar nicht wie eine gewöhnliche Motorradgarage aussieht.

Hinter einem alten Tor öffnet sich ein Gewölbekeller.

Wir fahren vorsichtig hinein. Unter der niedrigen Decke stehen bereits andere Motorräder.

Felix schaut sich um und grinst.

„Das ist ja richtige Burgenromantik!“

Ich muss lachen.


Nach einem langen Tag auf den Straßen der Provence stehen unsere Maschinen jetzt in einem alten französischen Kellergewölbe.

So etwas erlebt man eben auch nur auf einem Roadtrip.


Ein Abend in Die – Ziegenkäse, Lagerfeuer und Benzingespräche

Wir gehen die wenigen Meter zu Fuß zurück zum Hotel.

Nach dem langen Fahrtag müssen wir unsere Knochen erst einmal wieder geradebiegen.

Die Motorräder stehen sicher, das Gepäck ist verstaut. Jetzt gibt es nur noch ein Ziel: unter die Dusche!

Staub und Schweiß abspülen, die schweren Motorradklamotten gegen leichte Kleidung tauschen und endlich wieder ein wenig entspannen.

André hat noch einen Tipp für uns.

Wir sollen unbedingt den mittelalterlichen Stadtgarten besuchen. Und wenn wir schon in der Gegend sind, dann müssen wir auch eines der regionalen Gerichte mit Ziegenkäse probieren. Dabei kommt er richtig ins Schwärmen.

Die Drôme ist tatsächlich für ihre Ziegenkäsetradition bekannt. Besonders der Picodon, ein kleiner, aromatischer Käse aus Ziegenmilch, gehört zu den Spezialitäten dieser Region.

Solche Empfehlungen nehme ich gerne an.

Denn ein Roadtrip besteht für mich nicht nur aus Straßen, Kurven und Pässen. Es sind auch die kleinen Begegnungen mit den Menschen unterwegs, die eine Reise besonders machen.

Später sitzen wir gemütlich zusammen.

Ein kühles Schmutzbier haben wir uns heute redlich verdient.

Wir lassen die Erlebnisse noch einmal Revue passieren. Den gesperrten Mont Ventoux, die einsamen Straßen der Baronnies, die sengende Hitze und unseren willkommenen Brunnenstopp in Rosans.

Beim Lagerfeuer kommen natürlich auch die Benzingespräche nicht zu kurz.

Felix und ich sind uns einig: Dieser Fahrtag war ganz anders als erwartet.

Wir haben den Gipfel des Mont Ventoux nicht erreicht und die Gorges de la Nesque auf einen späteren Roadtrip verschoben.

Dafür haben wir eine Landschaft entdeckt, die uns mit ihrer Ursprünglichkeit, ihren kleinen Straßen und ihrer Ruhe begeistert hat.

Manchmal sind es eben gerade die ungeplanten Wege, die in Erinnerung bleiben.

Und während das Feuer langsam herunterbrennt, denke ich schon an morgen.

Denn vor uns liegt der letzte große Fahrtag unserer Reise.

Das Vercors wartet. Mit Straßen, die aussehen, als hätte man sie direkt in die Felswände gemeißelt.

Und ich ahne bereits: Canyonland hat sich seinen spektakulären Abschluss bis ganz zum Schluss aufgehoben.


Vercors. Der große Schlussakkord.

Gestern Abend waren wir uns einig: Eigentlich kann dieser Roadtrip nicht mehr besser werden.

Jeder Fahrtag hatte den vorherigen noch einmal übertroffen. Immer neue Landschaften, immer andere Straßen, Kurven, die sich scheinbar endlos aneinanderreihten. Mal schroffe Felswände, mal sanfte Hügel, dann wieder tiefe Schluchten und einsame Bergstraßen. Südfrankreich hatte uns jeden Tag aufs Neue überrascht.

Beim Frühstück schaut mich mein Sohn Felix mit einem herausfordernden Grinsen an.

„Vater, für das tolle Wetter kannst du ja nichts. Aber für die heutige Abschlussroute schon. Deine Ansage gilt doch noch, dass heute alles getoppt wird?“

Ich lächle zurück.

„Iss lieber noch ein paar Eier mit Speck. Nicht, dass du mir nachher schlappmachst!“

Wir lachen. Wenig später werden die Motorräder gesattelt. Meine weiße Harley-Davidson Road Glide steht bereit, daneben Felix' Kawasaki Z1000. Zwei völlig unterschiedliche Motorräder, zwei Generationen, aber dieselbe Begeisterung.

Noch einmal den Helm aufsetzen. Noch einmal den Motor starten. Noch einmal dieses Kribbeln im Bauch.

Der letzte Fahrtag beginnt.

Col de Rousset – Serpentinen zum Frühstück

Unser erstes Ziel ist der Col de Rousset.


Schon die Auffahrt von Die ist ein Erlebnis. Die Straße schwingt sich in herrlichen Serpentinen den Berg hinauf, eine Kurve folgt der nächsten. Für einen Harleyfahrer ist das die schönste Art, morgens wach zu werden. Die Road Glide legt sich in die Kehren, der V-Twin arbeitet gleichmäßig, und die Trittbretter kommen dem Asphalt verdächtig nahe.

Oben angekommen halten wir an und genießen den Blick zurück über die Berge und Täler des Diois. Hinter uns liegt die südliche Bergwelt, vor uns das grüne Hochplateau des Vercors. Der Pass markiert einen bemerkenswerten Übergang zwischen südlich-mediterranem und alpinem Landschaftscharakter. Der Straßentunnel liegt auf rund 1.250 Metern; der eigentliche Passübergang darüber erreicht 1.367 Meter.

Felix nimmt den Helm ab und schaut hinaus.

„Okay, der Anfang war schon mal nicht schlecht.“

Ich muss lachen. Er ahnt noch nicht, was uns erwartet.

Vercors – Schönheit und Geschichte

Wir tauchen tiefer in das Vercors-Massiv ein. Dichte Wälder wechseln mit offenen Hochflächen, und über den grünen Hängen stehen mächtige, helle Kalksteinwände. Manchmal sieht es aus, als hätte jemand ganze Gebirgszüge mit einem Messer abgeschnitten.


Diese Landschaft hat aber auch eine ernste Geschichte.

Das Vercors war im Zweiten Weltkrieg ein bedeutender Rückzugsraum der französischen Résistance. Besonders 1944 wurde das Gebiet zum Schauplatz erbitterter Kämpfe und schwerer Vergeltungsaktionen. Die nationale Widerstandsnekropole bei Vassieux-en-Vercors erinnert an die Menschen, die hier ihr Leben verloren.


Wir halten kurz inne. Zwischen all der Begeisterung für Berge und Straßen erinnert uns dieser Ort daran, dass Freiheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist.

Dann geht es weiter. Und die Straßen werden immer spektakulärer.

Col de la Bataille – Eine Straße am Rand der Felsen

Wir lassen die geschichtsträchtigen Orte des Vercors hinter uns und fahren weiter durch eine Landschaft, die immer wieder ihr Gesicht verändert.

Dann erreichen wir den Col de la Bataille.

Auf 1.313 Metern Höhe erwartet uns eine jener Straßen, für die ich Frankreich so liebe. Die Fahrbahn schmiegt sich an die Bergflanken, führt durch dichte Wälder und öffnet sich plötzlich zu einem gewaltigen Panorama.

Ausblick am Col de la Bataille über bemoste und bewaldete Felsen Zwischen Fels und Tal ein grandioser Ausblick.


Vor uns ragen mächtige Kalksteinwände auf. Tief darunter ziehen sich grüne Täler durch das Gebirge. An manchen Stellen scheint die Straße geradewegs auf den Abgrund zuzuführen, bevor sie sich in einer eleganten Kurve wieder an den Fels schmiegt.

Ich nehme etwas Gas heraus.

Nicht weil die Road Glide hier an ihre Grenzen kommt. Sondern weil ich diesen Anblick möglichst lange genießen möchte.

Felix folgt mir auf seiner Kawasaki. Und ich bin mir sicher, dass er unter seinem Helm genauso breit grinst wie ich.

Was mich besonders beeindruckt: Wie selbstverständlich diese Straßen heute wirken. Dabei muss es eine gewaltige Leistung gewesen sein, sie durch diese schroffen Berge zu bauen.

Hier oben wird einem wieder einmal bewusst, dass ein außergewöhnlicher Motorradtag nicht von der Zahl der gefahrenen Kilometer lebt.

Sondern von solchen Momenten.

Wir lassen die Felswände langsam hinter uns. Und während ich noch über diese großartige Straße staune, wartet bereits das nächste Meisterwerk französischer Straßenbaukunst auf uns.

Der Col de la Machine.

Und der wird uns noch einmal sprachlos machen.

Col de la Machine – Zwischen Felswand und Abgrund

Es gibt Straßen, die fährt man einmal und vergisst sie nie wieder.

Die Straße von Combe Laval am Col de la Machine gehört für mich dazu.


Was sich hier vor unseren Augen auftut, ist kaum zu beschreiben. Die Fahrbahn klebt förmlich an der Felswand. Auf der einen Seite ragt der Kalkstein steil nach oben, auf der anderen fällt das Gelände hunderte Meter in die Tiefe. Dazwischen: gerade genug Asphalt für eine Straße.

Immer wieder verschwindet die Strecke in kurzen Felstunneln oder führt unter gewaltigen Überhängen hindurch. Hinter jeder Biegung eröffnet sich ein neuer Blick auf den Cirque de Combe Laval.

Ursprünglich wurde diese außergewöhnliche Trasse gebaut, um Holz aus den Wäldern des Vercors ins Tal zu transportieren. Man kann nur staunen, mit welchem Mut und handwerklichen Können die Arbeiter damals eine Straße in diese Felswände geschlagen haben.


Wir fahren langsam. Nicht weil wir müssen, sondern weil wir keinen Meter davon verpassen wollen.

Bei einem Aussichtsstopp steigt Felix von seiner Kawasaki und schaut lange in die Ferne.

„Vater, das ist genauso cool wie in den Pyrenäen!“


Mehr muss er nicht sagen.

Ich sehe sein begeistertes Gesicht und weiß, dass meine Routenplanung aufgegangen ist.

Eine Polizeieskorte, die ich nicht bestellt hatte

Irgendwann verlassen wir die höheren Lagen und fahren hinunter in Richtung Saint-Laurent-en-Royans. Mit jedem Höhenmeter wird es wärmer.

Beim Tankstopp wechseln wir in leichtere Motorradbekleidung. Endlich wieder angenehme Temperaturen.

Keine zehn Minuten später kommen uns im Kreisverkehr mehrere Polizeimotorräder entgegen.

Ich grüße freundlich.

Doch die Beamten schauen nicht in mein lächelndes Gesicht.

Sie schauen auf meine Hände.

Verdammt. Ich habe keine Handschuhe an.

Noch bevor ich den Gedanken zu Ende bringen kann, ist mir klar: Das wird nichts mit einem freundlichen Weiterwinken.

Die Motorräder drehen bei. Die unfreiwillige Eskorte bringt mich zum Anhalten.

Es gibt keine lange Diskussion. Der Verstoß ist eindeutig, der Strafzettel ebenso. In Frankreich sind CE-geprüfte Motorradhandschuhe für Fahrer und Beifahrer vorgeschrieben.



Ich fahre seit gefühlt dreißig Jahren durch Europa. Aber so etwas ist mir noch nie passiert.

Na ja. Irgendwann ist wohl immer das erste Mal.

Ein freundliches „Bonne journée“, die Handschuhe wieder an – und weiter geht's.

Felix wird diese Geschichte vermutlich noch in zwanzig Jahren erzählen.

Gorges de la Bourne – Das letzte große Finale

Eigentlich könnte der Tag längst zu Ende sein.

Aber das Vercors hat noch einen letzten Trumpf im Ärmel.

Die Gorges de la Bourne.

Noch einmal fahren wir durch eine Welt aus Fels und Stein. Die Straße windet sich durch die Schlucht, führt dicht an senkrechten Kalksteinwänden entlang und verschwindet stellenweise unter gewaltigen Felsüberhängen.


Die Nachmittagssonne zeichnet helle Streifen auf den Asphalt. Der Motor meiner Harley klingt zwischen den Felswänden noch ein wenig tiefer.

Und plötzlich ist dieses Gefühl wieder da. Dieses Gefühl, weshalb wir Motorrad fahren.

Nicht, um möglichst schnell irgendwo anzukommen. Nicht, um Kilometer zu sammeln.

Sondern weil es Momente gibt, in denen man mit seinem Motorrad, der Straße und der Landschaft vollkommen eins wird.


Ich schaue nach vorne, spüre den Motor und genieße die letzten Kurven.

Manchmal ist Freiheit nichts anderes als eine Straße, die einfach immer weiterführt.


Rencurel – Ein Pool, ein Schmutzbier und eine große Idee

Als wir unser Hotel in Rencurel erreichen, sind wir glücklich, müde und voller Eindrücke.


Die Motorräder stehen schmutzig vom Staub und den Abgasen an der Steinmauer vom Hotel. Die Stiefel kommen aus. Und dann gibt es nur noch ein Ziel: den Pool.


Das kühle Wasser ist nach diesem Fahrtag eine Wohltat.

Am Abend sitzen wir zusammen und lassen die Reise Revue passieren.

Wir sprechen über die hohen Pässe der Grand Alpes, die roten Felsen der Gorges de Daluis, das blaue Mittelmeer, die Route Napoléon und die engen Straßen der Provence. Über die gewaltigen Schluchten, die kleinen Dörfer, die unzähligen Kurven und schließlich über das Vercors.

Was für zwei außergewöhnliche Reisen!

Dann schaut mich Felix an.

„Mensch Vater, mach doch aus dem Roadtrip durch die Grand Alpes und der Vercors-Tour eine große geführte Motorradreise für dein Vintage-Roadtrip-Unternehmen!“

Ich schaue ihn an.

Eigentlich ist die Idee so naheliegend, dass ich mich frage, warum ich nicht selbst schon darauf gekommen bin.

Diese Straßen habe ich selbst erlebt. Jede Etappe, jede Kurve, jede Pause. Ich weiß, wo die schönsten Aussichten warten, welche kleinen Straßen besonders viel Fahrfreude bereiten und wo man einfach einmal den Motor abstellen muss, um die Landschaft auf sich wirken zu lassen.

Und genau das ist doch Vintage Roadtrip.

Nicht einfach eine Motorradreise anbieten. Sondern Menschen mitnehmen auf Straßen, die man selbst liebt.

„Super Idee, Felix! Und ich habe auch schon einen Namen.“

Ich hebe mein Glas.

„Vintage Roadtrip Dreamroads 2027 präsentiert: Grand Canyonland Frankreich – die große Motorradreise von den Grandes Alpes bis zu den wilden Schluchten der Ardèche und des Vercors!“

„Prosit!“

Wir stoßen mit unserem gefühlt dritten Schmutzbier an.

Ich lehne mich zurück und schaue meinen Sohn an.

Wie schön ist es eigentlich, dass wir diese Begeisterung teilen? Dass wir gemeinsam aufbrechen, Neues entdecken, über dieselben Kurven staunen und am Ende eines langen Fahrtages mit einem breiten Grinsen zusammensitzen?

Ich bin sehr dankbar für diese Zeit mit Felix.

Für die vielen gemeinsamen Kilometer. Für die guten Gespräche. Für das Lachen. Für die Erinnerungen, die bleiben.

Und ich freue mich auf das, was aus diesen Reisen entstehen wird.

Denn manche Straßen sind einfach zu schön, um sie nur einmal zu fahren.

Canyonland ist aus zwei Reisen entstanden. Aus der Begeisterung für außergewöhnliche Straßen. Und aus dem Wunsch, dieses Gefühl mit anderen Motorradfahrern zu teilen.

Das nächste Kapitel wartet bereits.


Grand Canyon Frankreich – Zwei Roadtrips. Ein großes Abenteuer.

Was als zwei ganz persönliche Vater-Sohn-Reisen begann, hat uns auf eine Idee gebracht: Warum nicht die schönsten Dreamroads beider Roadtrips zu einem einzigen großen Motorradabenteuer verbinden?

Von den gewaltigen Pässen der Grandes Alpes über die roten Schluchten des Verdon und die Côte d’Azur bis zu den wilden Flusstälern der Ardèche, den Cevennen und den spektakulären Felsenstraßen des Vercors.

Zwei Reisen, zwei völlig unterschiedliche Gesichter Frankreichs – und doch gehören sie irgendwie zusammen.

Daraus entsteht unsere neue Grand Canyon Frankreich Tour. Eine handverlesene Motorradreise für Cruiser- und Harley-Davidson-Fahrer, die mit ihrem eigenen Motorrad unterwegs sein möchten, kleine Gruppen schätzen und Frankreich auf Straßen erleben wollen, die wir selbst gefahren sind.

Nicht der schnellste Weg. Der schönste Weg.





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